CHARLES EAMES
Charles Eames studierte Architektur an der Washington University in St. Louis und eröffnete 1930 sein eigenes Architekturbüro. 1938 wurde ihm ein Stipendium der Cranbrook Academy of Art gewährt, das ein Jahr später zu einem Lehrauftrag für Design weitergeführt wird. 1940 gewinnt er mit Eero Saarinen den „Organic Design in Home Furnishings“-Wettbewerb des Museum of Modern Art in New York. Im gleichen Jahr wird er Leiter der Abteilung für Industriedesign der Cranbrook Academy of Art und heiratet 1941 Ray Kaiser.
Zusammen mit seiner Ehefrau Ray entwickelte er während des 2. Weltkrieges im Auftrag der US-Regierung und verschiedenen Flugzeugherstellern unter anderem Flugzeugteile, Beinschienen und Tragbahren aus dreidimensional verformten Sperrholzplatten. Aus der Technik des Verbiegens von Schichtholz unter Dampf leitete er verschiedene Möbelentwürfe ab (Plywood Group). Später wandte er sich bei Möbelentwürfen dem Fiberglas und dem Aluguss zu. Als herausragendes Produkt hat der Lounge Chair bis heute Gültigkeit. Die Zusammenarbeit mitHerman Miller umfasste nicht nur das Design von Möbelstücken, sondern die Konzeption der kompletten Produktlinien bis zu den Hänge-Etiketten, was eine für die damalige Zeit äußerst ungewöhnliche Form der Mitbestimmung der Designer war. Charles Eames arbeitete gemeinsam mit seiner Frau in verschiedenen Bereichen wie Architektur, Ausstellungskonzeption, Fotografie und Multimedia-Präsentationen. Sein Werk wird heute im Eames Office, das von seinem Enkel Eames Demetrios geleitet wird, verwaltet und gepflegt und vermarktet, die Eames Foundation erhält das Eames House.
Plywood Group
Bereits 1938/39 versuchte Charles Eames in Cranbrook gemeinsam mit Eero Saarinen Schichtholzplatten dreidimensional zu Sitzmöbel zu formen. Der zentrale Gedanke dabei war immer die Suche nach einer optimalen Form von Sitz und Rücken um der menschlichen Anatomie möglichst entgegen zu kommen. Mit den Entwürfen zum „Organic Design in Home Furnishings“ Wettbewerb desMuseum of Modern Art in New York erzielte Eames die ersten, preisgekrönten Ergebnisse. Der „Organic Chair“ wurde allerdings wegen der instabilen Verbindung von Bein und Schale erst mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts 2004 zur Serienreife gebracht. Der endgültige Durchbruch gelang Eames erst, nachdem Sitz und Rücken getrennt und die geformten Schalenteile mit Pufferscheiben aus Naturkautschuk (shockmounts) mit dem Untergestell verbunden wurden. Auf die Holzseite wurden die shockmounts aufgeschmolzen, das Metalluntergestell mit einer Schraube und in dem shockmount eingebetteter Hülse verbunden. Diese Art der Verbindung wurde in weiterer Folge auch bei den Fiberglas Entwürfen und beim Lounge Chair verwendet. Die Plywoodgroup umfasste verschieden hohe Sessel mit Metall- oder Holzuntergestellen sowie niedere Tische. Ein wellenartiger Raumteiler mit Stofffurnieren (Foldingscreen) wird ebenso dieser Produktgruppe zugeordnet.
Fiberglas Group
Bei der weiteren Optimierung der Sitzschalen kam Charles Eames anlässlich der Wettbewerbsteilnahme am «International Competition for Low Cost Furniture» 1948 über Versuche mit Draht (Wire Chair), Metall (einteilige, aus Blech gestanzten und mit Hilfe von Gesenkschmieden verformte Sitzschalen) auf Fiberglas als Material. Dieses Material entprach im Gegensatz von Metall (zu teuer) den Anforderungen des Wettbewerbes. Eames eröffnete zusammen mit der Firma Zenith Plastics aus Gardena, Kalifornien eine vollkommen neue Anwendung für dieses Werkstoffes, der bis dorthin nur für Radarschirme verwendet wurde. Der flüssige Kunststoff wurde in positiv-negativ-Pressen mit den Glasfasern verbunden und ausgehärtet. Das Ergebnis war der erste einteilige Schalensitz dessen Oberfläche nicht mehr gepolstert war. Die Verbindung der Schale mit dem Untergestell wurde wiederum mit den shockmounts hergestellt. 1950 begann Zenith mit der Serienfertigung für Herman Miller, die Kollektion umfasste mehrere Schalen- und Untergestellvarianten und betrieb man bis Mitte der 80er Jahre von Herman Miller und vitra in hohen Stückzahlen. Ab den späten 1990er Jahren wurde von vitra die Produktion einiger Modelle wieder aufgenommen, allerdings mit einer Polyamid-Schale und integrierten shockmounts. Die ursprüngliche Materialanmutung (sichtbare Glasfasern an der Oberfläche) ging allerdings verloren.
Draht
Immer noch auf der Suche nach der optimalen dreidimensionalen Form von Sitzschalen fanden parallel zu den Fiberglasentwicklungen auch Versuche mit gebogenen und verschweissten Drahtschalen statt. Ebenso wie bei der Fiberglasschale war das Ergebnis eine einteilige Schale für Sitz und Rücken. Die Drähte wurden mittels Kontaktschweißverfahren raffiniert und stabil miteinander verbunden. Dieselbe Technik wandte in weiterer Folge Harry Bertoia (Mitarbeit im Eames Office während der 40er Jahre) für seine Kollektion von Drahtmöbeln für Knoll Associates an (später (Diamond Chair). Herman Miller stellte das Modell mit verschiedenen Untergestellvarianten ab 1951 in Serie her.
Aluminium Group
Die Vorgabe für die Aluminium Group war ein Stuhl, der sowohl für den Innen- als auch für den Außenbereich geeignet ist. Gleichzeitig sollte der Einsatz an Material möglichst gering und auch das Volumen minimiert werden. Nach einer Entwicklungszeit von drei Jahren entstanden die ersten Prototypen der „Leisure Group“ 1958. Das Konstruktionsprinzip folgt der Bildung einer tragenden textilen Sitzschale, die zwischen zwei Aluminiumprofilen gespannt ist. Horizontale Nähte (heute hochfrequenzverschweisst) sorgen für eine Aussteifung des Stoffes und verhindern ein „Durchsitzen“ der Schale. Am unteren und oberen Ende der Schale sorgt ein Aufrollen des Stoffes für eine elegante und zugleich bequeme Kante und bilden einen ansehnlichen Abschluss. Der Sitzbezug besteht aus fünf Schichten unterschiedlichster Materialien und sorgt dafür, dass trotz einer minimalen Polsterungsstärke ein sehr hoher Sitzkomfort erreicht wird. Die Spannkonstruktion wird durch die Verwendung von sogenannten Spangen im Rücken und Sitzbereich sichtbar und verleihen dem Stuhl eine zusätzliche, optische Leichtigkeit. Durch die konsequente Anwendung des Konstruktionsprinzips und die Verwendung von gleichen Teilen entstanden im Laufe der Zeit verschiedene Varianten: Büro- und Konferenzstühle (EA 117, 119, 219, 108, 208), Hocker (EA 125, EA 225), Loungestühle (EA 124, EA 224). Als Bezüge kamenVinyl, Stoff, Leder und Netz (ab 1984) zur Verwendung. Die ab 1969 verwirklichte Variante mit aufgenähten, zusätzlichen Polstertaschen ist unter dem Namen „Softpad“ erhältlich, anfänglich in Stoff und Ledervarianten, jetzt nur mehr in Leder.
Der Lounge Chair ist eine moderne Interpretation des traditionellen Clubsessels. Die Entwurfsidee folgt einem Zwiebelschalenprinzip, das heißt in einer geformte Schichtholzschale liegt eine zweite - demontierbare - Schale die einen (ursprünglich mit Daunen) gefüllten Lederpolster trägt. Der Stuhl besteht aus drei Schichtholzschalen, die über Hartgummischeiben (shockmounts) mit Metallelementen verbunden sind. Die Armlehnen sind ebenso elastisch gelagert und verbinden Sitz und erste Rückenschale in nahezu schwebender Leichtigkeit. Die shockmounts sorgen für eine elastische Verbindung und vermitteln den Eindruck eines weichen, flexiblen und sich an den Benutzer anpassenden Sessels. Die Polsterung nimmt das klassische Knopfelement auf und reflektiert so auch die englische Clubsesselästhetik. Das Untergestell ausAluminiumdruckguss ist drehbar und strahlt mit der Kombination von schwarzen und poliertem Aluminium besondere Schlichtheit aus. Die Schale war im ursprünglichen Entwurf in Palisander ausgeführt, in den 80er Jahren wurde auf Grund des Importverbotes von Tropenhölzern der Stuhl mit einer Kirschholzschale gefertigt. Mittlerweile gibt es wieder die Palisanderversion mit Hölzern aus Zuchtbetrieben. Der Sitzkomfort ist bis heute unübertroffen und Vorbild für viele weitere Entwürfe von anderen Designern. Der sogenannteOttoman kann als Fußverlängerung oder Hocker verwendet werden.
Eames entwickelte den Lounge Chair für Herman Miller, der ihn noch immer in den USA vertreibt. Seit 1956 in Produktion wurde der Lounge Chair im Laufe der Jahre zu einer Ikone des Möbeldesigns und wird bis heute von Herman Miller und vitra nach den gleichen Entwürfen unverändert hergestellt.
Übersicht zu den wichtigsten Entwürfen
- 1943: Moulded plywood leg splint (Beinschiene für die US-Army)
- 1945: Plywood Chair / Kindermöbel
- 1946: Plywood Group / Folding Screen / Case Goods
- 1947: Folding Table
- 1948: La Chaise (Ray Eames)
- 1950: Fiberglas Chair / Eames Storage Unit (ESU) / Contract Tables
- 1951: Wire Chair / Eliptical Table Rod Base (ETR) / Wire Sofa
- 1953: Hang it All
- 1954: Sofa Compact
- 1955: Fiberglass Stacking Chair
- 1956: Lounge Chair
- 1958: Aluminum Group
- 1960: Lobby Chair / Stools
- 1961: La Fonda Chair
- 1962: Tandem Seating
- 1964: Segmented Tables / 3473 Sofa
- 1968: Soft Pad Chaise / Intermediate Desk Chair
- 1969: Soft Pad Group (gepolsterte Variante der Aluminium Group)
- 1970: Fiberglass Drafting Chair
- 1971: Two-piece-Secretarial Chair / Two-piece-Plastic Chair / Loose Cushion Chair
- 1984: Teak and Leather Sofa
Die Möbel werden größtenteils heute noch von Herman Miller in den USA und Vitra in Deutschland produziert. Vitra produzierte von 1957 bis 1983 als Lizenznehmer von Herman Miller und besitzt seit 1984 die Rechte zur Herstellung und zum Vertrieb für Europa und dem Nahen Osten.
